Geschichten und Geschichte
„Tante Charlie erzählt aus ihrem Leben“

Ein Zeitzeugenbericht aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, fertiggestellt in Köln 2005; besprochen und begleitet von Ragna Bohne, im Rahmen der Nachmittagsaktivitäten der Offenen Ganztagsschule an Grundschulen.

Kreativ umgesetzt von den Schülerinnen und Schülern Bettie, Hagen, Laras, Lorenz, Paul-Can, Rachel und Noah der Klassen 1 und 2 der Stephan-Lochner-Schule, Köln. Die Bilder wurden gemalt von: Bettie, Laras, Lorenz, Noah und Paul-Can.

Entstanden im Rahmen des Generationsverbindenden Wettbewerbs: „Gestern – heute – morgen. Kindheit und Jugend unter radikaler Führung“ durchgeführt von Julia e.V., als dreijähriges Modellprojekt im XENOS-Programm.


Die Autoreifen

 

Das ist meine Tante Charlie. Heute ist sie 84 Jahre alt und lebt allein. Natürlich heißt sie eigentlich Luise Charlotte, aber seit ich denken kann, war sie für uns Tante Charlie. Immer, wenn ich sie besuche, sitzt sie in ihrer kleinen, gemütlichen Wohnung, freut sich über die Wärme, die Sonne, die Berge und die Bäume vor ihrem Fenster. Und dann erzählt sie Geschichten aus ihrer Jugend, in der es ihr gar nicht immer so gut ging.

Manche ihrer Geschichten sind einfach traurig. Aber es gibt auch Erlebnisse und Abenteuer, da liegen Gefahren und Lustiges nahe beieinander. Und das ist so eine Geschichte: 



 

Es war gar nicht so lang nach dem letzten großen Krieg. Vielleicht 1946 oder 1947. Das Schicksal hatte mich in ein kleines Harzdörfchen verschlagen.



 

Das ist die Dorfstraße in Tanne

Es war schon merkwürdig: monatelang waren wir vor den Russen geflohen, aus Angst vor den Soldaten und aus Angst vor dem Kommunismus, einer Parteidiktatur, in der wir nicht leben wollten. Und nun hatte uns das Schicksal doch eingeholt - wir gehörten plötzlich zur russischen Zone. Die Amerikaner und Engländer hatten sich zurückgezogen und uns den Russen überlassen. Nur zwei Kilometer bis zur Grenze, und doch trennten uns Welten.

Natürlich wussten wir alle, dass es denen „drüben“ sehr gut ging. Während es bei uns nur weniges auf Marken gab, konnte man im Westen schon wieder vieles kaufen, vom Notwendigen bis zum Luxus. Wen wundert es, dass es immer wieder Wagemutige gab, die trotz aller Gefahren nachts über die Grenze schlichen, um das Fehlende einzukaufen oder Menschen zur Flucht in den Westen zu verhelfen. Der kleine Grenzverkehr war geboren.

 

Keiner von uns hat damals geahnt, dass die Grenze einmal so dicht und stark bewacht sein würde, dass Menschen ihre Flucht mit dem Leben bezahlen mussten.

Ich war damals bei einer Ärztin beschäftigt, und diese hatte ein Auto. Das war etwas ganz Besonderes, nur zwei gab es im Dorf. Das Auto der Doktorin war ein Stück aus der guten alten Friedenszeit vor dem großen Krieg. Ein kleiner DKW Sportwagen. Für meine Begriffe, einfach schick! Was aber nichts an der Tatsache änderte, dass bei den Reifen nachgerade die Leinwand zum Vorschein kam.

Nach dem Motto: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ hatte der Mann von der Doktorin zwei Reifen nachts über die Grenze nach drüben zum Vulkanisieren gebracht. Nun waren sie fertig und sollten wieder geholt werden. Zweimal gehen, hieß doppelte Gefahr. Um das Risiko zu verkleinern, wurde beschlossen, dass ich mit gehen sollte, damit wir gleich beide Reifen wieder zurück hatten.

 

Dieses Mal wollte er ganz sicher gehen und hatte mit den Vopos eine Absprache getroffen, wann die Luft rein sein würde, und wann man wohl gehen könnte. Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl und vertraute lieber dem Schicksal, als gerade jenen Helfern.

Nun muss man wissen, dass gerade in diesem Teil des Harzes dichte Tannenwälder, Schluchten und wilde Bäche den Grenzübergang markierten.



 

Unterwegs

Wir hatten die Reifen im Westen abgeholt. Jeder, einen Reifen, wie einen Rucksack auf dem Rücken gebunden, gingen wir los. Da war die Grenze. Wir waren schon bis zur einsam gelegenen Fuchsfarm gekommen und wollten gerade über die etlichen Zäune klettern, als ich feststellte: Da glüht etwas! Dann war's wieder weg. Bis wir dahinter kamen, dass es rauchende Männer waren, und die Zigaretten bei jedem Zug aufleuchteten. Mein Chef flüsterte: „Das werden unsere Freunde sein, dann haben sie uns eben falsch verstanden, anstatt zu verschwinden, wollen sie uns nun beschützen.“

 

Ob ihm wohl doch Bedenken kamen, dass das so richtig sein könnte? Wir schlichen uns Schritt für Schritt vorwärts und waren gerade auf den Waldweg gekommen, als sich der Trupp von etwa sechs Mann in Bewegung setzte und auf uns zu kam. Da packte uns die Angst. Vergessen waren alle Verabredungen.

Mit einem Satz verschwanden wir. Unser Instinkt ließ uns drei Meter seitwärts am Hang neben ein paar kümmerlichen Tannen Schutz suchen. Wir drückten die Nase ins Gras, und der Reifen auf dem Rücken schien mir wie ein Turm in den Himmel zu ragen. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Dann waren sie vorbei. An den Rest des Weges kann ich mich kaum noch erinnern. Wir stolperten durch den dichten Wald und dachten nur noch: „Nichts wie nach Hause.“

 

Wir kamen heil an. Voller Stolz montierte der Mann der Doktorin am nächsten Tag die neuen Reifen, die so viel Ängste und Mühen gekostet hatten.  

Ich habe mir damals geschworen, vorsichtiger zu sein. Ich bin noch öfters schwarz über die Grenze gegangen, aber ich habe danach immer meine eigenen Wege gesucht.   

Ende
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Exemplarische Schülerarbeiten